Der Sonntagsmonat by Updike John

Der Sonntagsmonat by Updike John

Autor:Updike, John [John, Updike]
Die sprache: deu
Format: epub
Herausgeber: Rowohlt
veröffentlicht: 1981-10-14T16:00:00+00:00


Mein geisterhafter Leser erinnert mich auf telepathischem Wege daran, daß ich unnatürlich wenig über die beiden anderen Pfarrhausbewohner, meine Sprößlinge, mein Fleisch und Blut, meinen Jakob und meinen Esau, meine zwei Söhne geschrieben habe. Wenn ich sie als «Schmarotzer» bezeichnete, würde das ihre nimmermüde Gefräßigkeit und die zermürbende aushöhlende Wirkung, die ihre Streitereien, ihre unseligen Streiche und ihre Forderungen auf mein Gehirn ausübten, richtig charakterisieren, aber ihrer Position in meiner Misere eine übertriebene Dynamik zuschreiben. Als ich mich krümmte und wand, um meinem Leben zu entrinnen, war der Gedanke an sie eine Qual, aber ohne eine unmittelbare Wirkung: sie waren die beiden galvanisch aufgeladenen Nägel in meinen Händen, die zerfasernden Fransen meiner fadenscheinigen Tage, der Krawall beim Aufwachen und das Kopfweh beim Schlafengehen, die durch nichts zu besänftigenden Termiten, die mit ihren Tunnelbohrungen die Träger und Stützen meiner Erdenzeit zu pudrigem Staub zermahlten. Denn sind Kinder nicht eben das, was kein Ende hat, was uns überdauert, was uns erleichtert den Wasserfall hinabschlittern sieht? Die Gesellschaft in ihrer überkommenen Weisheit setzt der Kindheit eine Grenze; aus der Elternschaft dagegen gibt es kein Entkommen. Selbst wenn das Kind ein aalglatter Senator von siebzig ist, und der Vater oder die Mutter ein entstelltes Gerippe im Rollstuhl – das Wrack muß sich auch dann noch abplagen mit dem gewichtigen Zepter der Elternschaft.

Martin ist sechzehn, Stephen vierzehn. Ich schrieb an anderer Stelle (suchen Sie’s selbst raus, Sie alles prüfende Prynne) von einer gewissen Sehnigkeit, die Jane und ich im gleichen Maße besitzen. Martin hat sie zwiefach geerbt. Schon als kleines Kind war er drahtig und stieß sich von der Brust seiner Mutter ab oder entrang sich, wenn ich ihm umklammert hielt, mit der Kraft einer Wildkatze meinen Armen. Er brilliert, so klein er ist, in allen Sportarten und amüsiert uns oft mit unvermuteten Tricks, die er sich heimlich beigebracht hat; so kickt er zum Beispiel den Fußball mit der Ferse, so daß er hochschnellt vor seinen Kopf, oder er springt über einen Besenstiel, den er vor sich in den Händen hält, oder er fängt geschickt in der Luft einen Knopf oder ein Häufchen Pennies auf, die er auf dem Ellbogen balanciert hat. Zwar leidet er an nervösen Kopfschmerzen und hat oft erschreckend intensive Phasen der Schlafkrankheit, doch wenn er wach ist, dann ist er ein Schläger, ein Perfektionist, den die Unvollkommenheiten, die ihn umgeben, zur Raserei bringen. Kein Klecks sitzt dicker in seinem Gesichtskreis als sein Bruder, der ebenso groß ist wie er und es fast von Geburt an immer gewesen ist. Als Fötus war Stephen so stattlich und breit (zehn Pfund minus eine Unze, frei Haus), daß er Jane abschreckte von ihrem Wunsch nach vier Kindern (den ich in der Naivität der fünfziger Jahre, als der globale Plumpudding voller Cents und Brandy Onkel Sam serviert zu werden schien, weil der so gut gewesen war, teilte). Unsere Sanftheit, der Seelenteig, der uns weiterhin zusammenhält{*} und unsere innere Ungehaltenheit in dem faden Frieden einer stillen Mahlzeit oder eines mit Bach und einem Buch verbrachten Abends versinken



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